Januar
Goldener Tempel
Melanies Geschichte.
Du wachst auf und der Traum ist noch da. Schon die dritte Nacht. Du weißt nicht, was er bedeutet, du weißt nur, dass er etwas will. Tagsüber kommt das Gefühl wieder. Du sitzt im Auto, du stehst beim Wäscheaufhängen, du legst dich abends ins Bett, und da ist etwas, das ruft. Etwas, das nicht zu deinem normalen Leben gehört.
Du tust es weg. Aber es bleibt.
Du bist hier, wenn etwas dich ruft, das du nicht erklären kannst.
Februar
Cold Turkey
Julianes Geschichte.
Du sitzt im Auto, hältst an einer roten Ampel und denkst, du fährst gleich weiter. Du fährst nicht weiter. Etwas in dir macht Schluss. Nicht mit einem Knall. Mit einem Stillstand. Du funktionierst nicht mehr, und es ist nicht so, dass du nicht willst. Du kannst es einfach nicht mehr.
Vielleicht bringt dich jemand ins Krankenhaus. Vielleicht in dein Bett. Vielleicht ruft jemand deine Mutter.
Du bist hier, wenn dein Körper Schluss macht, bevor dein Kopf bereit ist.
März
Versuchsprogramm
Nicoles Geschichte.
Du hast deine Mauer gebaut, weil sie dich gerettet hat. Niemand kommt an dich heran. Niemand. Und dann sitzt jemand vor dir, eine alte Frau, ein Kind, ein Mensch in einer Suppenküche, und tut nichts Besonderes. Sie schauen dich an. Sie fragen nichts. Sie wollen nichts.
Etwas in dir, das seit Jahren nicht geweint hat, weint.
Du bist hier, wenn deine Mauer fällt, ohne dass du sie eingerissen hast.
April
Höhenflug
Mathildas Geschichte.
Es passiert etwas, das nicht hätte passieren dürfen. Ein Unfall. Eine Diagnose. Ein Anruf, der dein Leben in zwei Hälften teilt. Und in dem Moment, in dem du die alte Welt verlierst, siehst du etwas, das du vorher nicht gesehen hast. Es ist still. Es ist groß. Es ist sehr nah.
Du kommst zurück, und das, was du gesehen hast, geht nicht mehr weg.
Du bist hier, wenn du dem begegnet bist, was hinter allem ist, und du nicht mehr so leben willst wie vorher.
Mai
Hebamme
Barbaras Geschichte.
Du erinnerst dich an etwas, was du nicht in diesem Leben gelernt haben kannst. Eine Bewegung deiner Hände. Ein Wissen, das aus dir kommt, wenn jemand vor dir steht. Eine Klarheit darüber, was zu tun ist, ohne dass du es überlegt hast.
Du wusstest schon einmal, wer du bist. Du erinnerst dich gerade.
Du bist hier, wenn etwas in dir alt ist und nach vorne will.
Juni
Löwenkraft
Liliths Geschichte.
Du wachst auf, und etwas in dir ist nicht mehr leise. Du gehst in dein Büro, und du weißt: ich gehe heute. Du schreibst eine Mail, und du klingst nicht mehr wie dein altes Selbst. Du gehst nach Hause, und du fängst an zu schreiben, zu malen, zu singen, zu bauen, je nachdem was du zurückgehalten hast.
Das, was du immer warst, war zu groß für dein altes Leben.
Du bist hier, wenn du zum Löwen wirst und nicht mehr zurückkannst.
Juli
Geschenk des Lebens
Margarets Geschichte.
Jemand kommt in dein Leben, der etwas von dir will. Du siehst es. Du gibst trotzdem. Nicht aus Dummheit. Sondern weil du verstanden hast, dass du dich selbst rettest, indem du nicht aufhörst zu geben, auch wenn der andere es nicht verdient.
Du gibst nicht, um geliebt zu werden. Du gibst, weil du dich nicht klein machst.
Du bist hier, wenn du jemandem etwas gibst und es deine eigene Würde ist, die du dabei wiederfindest.
August
Phönix
Naomis Geschichte.
Du stehst auf einer Dachterrasse an Silvester, und ein Fremder fragt dich etwas, das niemand vor ihm gefragt hat. Ein Jahr später hast du gekündigt, deine Wohnung aufgelöst und sitzt auf einem Berg in der Wüste. Du weißt nicht, ob du verrückt geworden bist. Du weißt nur, dass dein altes Leben gestorben ist, und dass etwas Neues geboren wird.
Du hast nichts mehr. Und du hast alles.
Du bist hier, wenn du dein altes Leben loslässt, ohne zu wissen, was kommt.
September
Perlenschnur
Janines Geschichte.
Jemand stirbt, der für dich wichtig war. Du räumst auf. Du findest Notizen, einen Brief, ein Stück Arbeit, das nicht zu Ende war. Du sitzt damit, und du verstehst: das gehört jetzt mir. Nicht das Geld. Nicht das Haus. Diese Linie. Diese Frage. Diese Aufgabe, die nicht beendet wurde.
Du übernimmst sie. Nicht aus Pflicht. Weil sie zu dir gehört.
Du bist hier, wenn du ein Erbe übernimmst, das nicht im Testament steht.
Oktober
Metamorphose
Alicias Geschichte.
Du kommst nach Hause und kannst dich nicht bewegen. Etwas ist passiert, das du nicht in Worte fasst. Tage liegst du. Wochen vielleicht. Du machst nichts. Du wartest nicht. Du bist einfach. Und in diesem Stillstand, in dem du dachtest, du würdest verschwinden, kommt etwas in dir an, das vorher nicht da war.
Eine Stimme. Eine Bewegung. Etwas, das du jetzt hast und vorher nicht hattest.
Du bist hier, wenn du in einem Stillstand etwas wirst, das du vorher nicht warst.
November
Drei Wochen
Olafs Geschichte.
Jemand sagt dir eine Wahrheit, die du nicht ändern kannst. Du hast eine Krankheit. Du hast eine begrenzte Zeit. Etwas geht zu Ende, und es liegt nicht in deiner Hand. Erst weinst du. Dann kommt die Wut. Dann der Versuch, doch noch etwas zu machen.
Und irgendwann, ganz langsam, kommt etwas, das du nicht erwartet hast. Frieden. Und manchmal, ohne Vorwarnung, Lachen.
Du bist hier, wenn du etwas annimmst, was du nicht ändern kannst.
Dezember
Tausch
Julias und Marlies Geschichte.
Du hast in deinem Leben eine Hälfte gelebt. Die starke. Die mutige. Die, die alles tut. Oder die andere. Die ruhige. Die liebende. Die, die wartet. Du dachtest, das ist, wer du bist. Und dann kommt eine Frau in dein Leben, die deine andere Hälfte lebt. Schwester. Freundin. Eine Begegnung, die du nicht gesucht hast.
Ihr tauscht etwas. Nicht mit Absicht. Du kommst in die Hälfte zurück, die du nie gelebt hast.
Du bist hier, wenn du in dich zurückkommst, ganz, in beiden Hälften.